Essay zum Thema 4. Durkheim:

Der Franzose David Émile Durkheim (1858-1917), jüdisch-katholischer Herkunft, ist zweifellos einer der bedeutendsten Soziologen und nicht zuletzt auch Anthropologen der Geschichte. Er gilt als einer der Gründerväter der Soziologie als empirischer Fachwissenschaft mit eigenständiger Methode [vgl. 1]. Durkheim kann auch als Revolutionär der gesamten Sozialwissenschaft in Europa angesehen werden.
Der französische Soziologe kann sicherlich auf eine Stufe mit Max Weber und Karl Marx gestellt werden, mit welchen er gemeinsam – indirekt – die Geburt der Anthropologie in Europa ermöglichte.
Seine Ausbildung erhielt Durkheim an der Ecole Normale Supérieure, wo er erstmals in ernsthaften Kontakt mit dem Sozialismus – hier repräsentiert vom Politiker Jean Jaurès – kam, der durchaus sehr bedeutend für sein Denken und seine Weltanschauung war.
Nach seinem Karriereauftakt als Gymnasialprofessor für Philosophie bekam er schließlich 1887 einen Lehrauftrag für Sozialwissenschaft in der südwestfranzösischen Stadt Bordeaux, wo er für die Fächer Pädagogik und Soziologie zuständig war.
Im Jahre 1898 wurde von ihm die Année Sociologique gegründet, die zum Ausgangspunkt der Schule Durkheims wurde. Als Krönung seiner Lehrtätigkeit bekam er 1906 einen Lehrstuhl an der renommierten Pariser Universität Sorbonne, wo er Erziehungswissenschaft (und Soziologie) unterrichtete. Émile Durkheim starb rund zehn Jahre später in der französischen Hauptstadt.
Der Franzose hinterließ ein bedeutendes Lebenswerk, das nicht zuletzt auch viele wegweisende literarische Arbeiten enthält.
Eines seiner wichtigsten Werke betitelte er Le Suicide (dt. „Der Selbstmord“, 1897), in welchem er Protestanten und Katholiken heranzieht, um deren verschiedenste Selbstmordarten zu untersuchen und zu analysieren. Bei den Katholiken treten laut ihm gewisse Spezifika auf, „die er auf die strengere soziale Kontrolle unter ihnen [den Katholiken] zurückführt“ [1].
Durkheims für die Anthropologie vielleicht bedeutendste Schrift ist Les formes élémantaires de la vie religieuse (dt. „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“, 1912). Der französische Sozialwissenschafter, der sich schon recht früh mit dem Religiösen als soziales Phänomen auseinander setzte, will darin keineswegs primär eine Art „Evolutionstheorie“ der Religionen aufstellen. Vielmehr benutzt er „primitive“ Religionen, um die Ursprünge und die Essenz des Religiösen zu erklären.
In Les formes élémantaires de la vie religieuse nimmt die universale Dichotomie sakral/profan – wie überhaupt in seiner allgemeinen Theorie – eine zentrale Position ein. Das Sakrale repräsentiere „etwas von den menschlichen Alltagsgeschäften Abgehobenes, Entrücktes und zugleich Verbotenes, etwas, das den Lebenden zeitlich vorangehe, sie beschütze, belehre, ernähre, dominiere, bestrafe und sie letzten Endes auch überlebe“ [2]. Es existiere eine einzige übermenschliche, doch reale Macht, mit der die Menschen tatsächlich konfrontiert seien: die so genannten „représentations collectives“ – sprich die kollektiven Vorstellungen ihrer Gesellschaft. Das Individuum ist also den Vorstellungen seiner Gesellschaft, in die es hineingeboren wird, unterlegen. Es bleibt ihm keine andere Möglichkeit, als diese „kollektiven Phänomene“ [2] zu akzeptieren und zu verinnerlichen.
Durkheim spezialisiert sich im Rahmen dieser Studie auf die für ihn ursprünglichste Form von Religion, den Totemismus – in seinem Fokus befindet sich das Volk der Arunta (australische Aborigines). Aus seinen Forschungen schloss er, dass Religion nichts anderes sei als eine Transformation der übermächtigen „représentations collectives“ in sakrale Symbole. Diese Symbole und Objekte (Totems) haben die Funktion, das Zusammengehörigkeitsgefühl und die gegenseitige Solidarität in der Gruppe beziehungsweise im so genannten Clan zu fördern [vgl. 3]. Das Totem ist Inbegriff der Clan-Identität.
Durkheim erkannte, dass etwaige Religionen – wie zum Beispiel die der Arunta – nicht bedeutend anders seien als vermeintlich „entwickelterere“ Religionen: Auch Götter seien im Grunde nichts anderes als Embleme ihrer jeweiligen Gesellschaft.
Des Weiteren ist die Gesellschaft auch Ausgangspunkt bei Durkheims Erklärung des Seelenglaubens: „Die Seele repräsentiert die Gesellschaft, welche zwar vom Individuum verschieden ist, in jedem Individuum aber internalisiert ist. Die Seele wird als unsterblich konzipiert, da es die Gesellschaft auch ist“ [4].
Weitere zentrale Fragen Émile Durkheims waren jene nach der modernen Industriegesellschaft: Was prägt diese und was sind die Unterschiede in Bezug auf andere Gesellschaften? Bald fand der Sozialwissenschafter heraus: Die Arbeitsteilung macht den Unterschied. Die einzelnen Menschen sind aufeinander angewiesen und ergänzen sich auf Grund der Arbeitsteilung und der damit verbundenen Spezialisierung der Individuen gegenseitig. Die Arbeitsteilung dient sozusagen als Basis für die „organische Solidarität“, die in „modernen“ Gesellschaften vorherrscht.
Auch zeigt Durkheim erstmals das Paradoxon der Industriegesellschaft auf: Das Individuum ist in der auf Arbeitsteilung basierenden Gesellschaft überaus abhängig; nichtsdestotrotz entwickelt er zudem aber auch eine Ideologie, die genau das Gegenteil besagt – den Individualismus.
Im Gegensatz zur „organischen Solidarität“ steht die so genannte „mechanische (der Begriff beruht auf der modernistischen Haltungsweise, Religion sei künstlich) Solidarität“, welche in nicht- oder nur wenig industrialisierten Gesellschaften zu finden ist. Diese benötigen etwas anderes, eine „zusätzliche Klammer“ [5], um den inneren Zusammenhalt zu gewährleisten: die Religion.
Durkheims religionskritische Haltung wird nicht zuletzt durch folgendes Zitat verdeutlicht: „In einem Ritual führt sich die Gesellschaft irgendwie selber auf“ [vgl. 5].
Er bezeichnete sich selbst als Agnostiker.
Die Ideen Durkheims wurden von einer Reihe von Soziologen übernommen und/oder weitergeführt. Erwähnung finden soll hier für den deutschsprachigen Raum vor allem René König, Pionier der „Kölner Schule“. Auch die Franzosen Bataille und Bourdieu wurden von Durkheim beeinflusst, wie freilich auch sein Schüler und Neffe Marcel Mauss. Die Nachwirkung bedeutender Theoretiker wie zum Beispiel van Gennep – der jedoch nicht seiner Schule folgte – wurde ebenfalls durch das Durkheim’sche Wirken beeinflusst.
Trotzdem nicht vergessen werden dürfen – ob der kritischen und objektiven Auseinandersetzung mit dem Thema meinerseits – die kritischen Stimmen, die es gegeben hat, immer noch gibt und stets geben wird. Ein Vorwurf lautet beispielsweise, Durkheim absolutiere die Gesellschaft und die Sippe, sodass das Individuum darin untergehe.
Als Vorreiter der Kritik an Durkheim kann durchaus Evans-Pritchard gesehen werden. Der britische Sozialanthropologe meint etwa: „[Die Theorie über die Entstehung vom Religiösen] widerspricht seinen [Durkheims] eigenen Regeln der soziologischen Methode, denn im Grunde bietet sie eine psychologische Erklärung für soziale Tatsachen an. Von seinem Standpunkt aus war es nur vernünftig, Verachtung für andere zu bezeugen, die Religion aus der Triebkraft der Halluzination ableiten, doch ich behaupte, dass er genau dasselbe tut. Keine Wortspiele mit Begriffen wie "Intensität und "Überschwang" können darüber hinwegtäuschen, dass er die totemistische Religion ... aus der emotionalen Erregung, aus einer Art Massenhysterie der in einer kleinen Menge versammelten Individuen ableitet... Emotionale Spannung [kann] zwar ein wichtiges Element der Riten sein, indem sie ihnen eine tiefere Bedeutung für das Individuum verleiht; aber sie kann kaum eine angemessene kausale Erklärung für sie als soziales Phänomen liefern ... Im Grunde hat Durkheim aus der Massenpsychologie eine soziale Tatsache herausgelockt...“ [4].
Ein weiterer Kritikpunkt an Durkheim beinhaltet den Vorwurf, dass er nie ein großer Feldforscher, wie etwa Franz Boas, gewesen sei. Er stützte sich in erster Linie auf Berichte aus zweiter Hand – er machte es sich sozusagen im „armchair“ gemütlich.
Man kann Émile Durkheim kritisieren, einfach ignorieren oder vollkommen zustimmen. Fakt ist, dass sein Status als einer der bedeutendsten Sozialwissenschafter feststeht und daran so schnell nichts geändert werden kann. Gott(?) sei Dank!
Chris Wastian (Matrikel# 0507511)
Wien 10, 22.11.2005
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Quellen:
das Foto Durkheims wurde folgender Webseite entnommen: http://www.infoamerica.org/
[1] http://de.wikipedia.org/
[2] Hans Fischer & Bettina Beer: Ethnologie – Einführung und Überblick, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2003
[3] http://www.guenter-schulte.de/
[4] http://socio.ch/
[5] André Gingrich, Vorlesung vom 16.11.2005

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